Für mich ist die Farbe zugleich Welt und Gestaltungsmittel. Die Farbe hat mir über die Jahrzehnte hinweg ermöglicht, die Malerei und das Leben in unmittelbarer Gleichzeitigkeit zu erkunden.
Noch während meiner Ausbildungszeit begegnete mir Emilio Vedova. Ich hatte das Glück ihn in Venedig in seinem Atelier zu besuchen. Sein fasst gewalttätiger Umgang mit der Farbe, der keine Rücksicht auf irgendwelche Vorgaben zu nehmen schien und gleichzeitig doch einer sehr präzisen Vorstellung einer Bildfindung folgte, beeindruckten mich tief. Seine Kompromisslosigkeit zum einen und sein klares Bewusstsein, der politischen Dimension seiner Arbeit, begleiten mich seitdem. Bis heute kehre ich zum
„Absurden Berliner Tagebuch“ zurück, um diese ungeheure Ausdruckskraft zu sehen, zu spüren und mich „zu Hause“ zu fühlen.
Später kamen andere Wegbegleiter hinzu: Ian Clever. Das Freilassen der Farbe und das Binden der Farbe in einer begrenzenden Struktur bilden in seiner Malerei keinen Widerspruch. Seine Fähigkeit mit dem Fließen lassen von Farbe Strukturen zu finden, in denen die Transparenz und die Dichte der Farbe in einem unlösbaren Zugleich erscheint, bestärkten mich bei meiner frühen Suche nach der Freiheit in der malerischen Geste.
Per Kirkeby ist ein weiterer interessanter Wegbegleiter für mich. An seinen Bildern konnte ich meine Idee, dass es eine Malerei jenseits der Trennung von Gegenständlichkeit und Abstraktion gibt, schärfen und präzisieren. Der in der Geschichte der Malerei aufgeworfene Antagonismus von Fläche und Raum, von Abstraktion und Gegenständlichkeit schien mir von Beginn an obsolet – erst mit der Erfahrung eignete ich mir das Können, das Erkennen, das Wissen um die inversen Eigenschaften von Fläche und Raum, Gegenstand und Abstraktion an. Die Farbe leitete mich über die Jahrzehnte den Raum in der Fläche zu
finden, die Gegenständlichkeit im Vorgegenständlichem des malerischen Ereignisses zu entdecken. Im Schütten der Farbe entdeckte ich eine Technik, in der ich die Eigenschaften der Farben als Farbwert und als Konsistenz kennenlernen und entfalten konnte.
Immer war mir die Materialität der Farbe, als Stoff des Malens und der Welt, der „Reiz“ an/in/mit dem ich in voller Neugierde auf das Unbekannte die Farbe, die Welt und mich suchte. Die Welt das war u.a. der Völkermord in Ruanda, der mein Leben persönlich beeinflusste, verlassene Flugzeughangar nach dem Abzug der Kanadischen Besatzung an meinem jetzigen Wohnort und zuletzt die Landschaft, die ich vollkommen neu entdeckte.
2017 entschied ich, dass es an der Zeit sei meine Malerei durch die Begegnung mit einer fremden Landschaft neu herauszufordern. Das Ziel war die „Handhabung“ der Malerei zu irritieren. In der Begegnung mit einer fremden Landschaft müssen sich der Blick und die Hand neu organisieren.
Es folgte ein mehrjähriges Projekt der künstlerischen Neuorientierung im Rahmen einer Begegnung mit Island, die bis heute andauert.
Das malende und zeichnende sich Annähern bildeten darin einen Reflexionsprozess, der zugleich immer wieder neues „Terrain“ eröffnet. Ein Terrain, auf dem im Laufe der Zeit die Veränderung, das Erscheinungshafte, die Zeitlichkeit zur führenden Erfahrung wurde. Die erstarrte steinerne Struktur Islands und ihre Auflösung in der Erscheinung wurden zu Polen eines Zeichnens, Malens und Denkens, das sich jedweder Begrenzung in einem Objektiven – Gegenständlichen entzieht. Die Veränderung als den Normalfall unserer Weltwahrnehmung anzuerkennen und im objekthaften Gegenständlichen nur einen
Sonderfall des Veränderlichen zu sehen rückte zunehmend in den Fokus des Prozesses und führt zu weiteren Projekten, die die Naturerfahrung und Naturwahrnehmung neu herausfordern.